Depressiver portugiesischer Seemann

Es war 1521. Ich stand mit einer Zigarre an der Kaimauer einer portugiesischen Hafenstadt und schaute sehnsüchtig über den Ozean in Richtung neue Welt. Die Frau an Pest erkrankt, das Kind ein seltsames Mischwesen aus Mädchen und Teufel mit einer Stimme zum Fensterentglasen. Nein, es lief nicht optimal.

Die Seefahrer hatten meine Bewerbung abgelehnt, obwohl sie einen Koch für die Kombüse suchten. Einen Kerl für eine Ozeanüberfahrt ins exotische Brasilien, sagten sie, mehr verrieten sie nicht. War ich ihnen vielleicht zu weibisch? Suchten sie einen, an den sie sich in einem heftigen Sturm hätten aufrichten können, dessen Brusthaar bereitwillig ihre Tränen aufsaugt? Ich schaute an meinem im Wind flatternden Leinenhemd herunter und seufzte.

Auf der Suche nach Zerstreuung ließ ich meinen Blick über die Hafentavernen wandern, vor dessen Türen Erbrochenes in kleinen Pfützen zu sehen war und dampfte…echtes Seefahrererbrochenes, eine Mischung aus Portwein und sehr fettigem Essen.

Ich schaute ein letztes Mal dem ablegenden Schiff nach, das Kostbarkeiten aus Brasilien besorgen sollte und beschloss, in eine dieser Taverne zu gehen und Portwein zu trinken. Ich bezahlte den Rausch mit großen Teilen meines Gehalts und wusste nicht, was Weib und Kind morgen essen sollten, doch diesen ernsten Gedanken ließ mich der Alkohol rasch mit einem gutgelaunten Achselzucken quittieren. Lockerheit war 1521 viel wert in Portugal.

Torkelnd zog ich durch die engen Gassen der Stadt und schaute durch die Fenster in die Stuben. Der übliche mittelalterliche Rinnsaal aus Kot und Urin lief die abschüssigen Straße hintunter und sammelte sich untem im Hafenbecken, wo Algen sich an die Zersetzung machten. Ein Gestank war das…

Plötzlich kam mir ein junger Mann mit pechschwarzen Locken entgegen, der mich von Weitem laut begrüßte. Ich hatte nicht übel Lust, diesem Schreihhals ein paar vors Geschirr zu geben, aber ich hielt mich im Zaum. Er erzählte freudig, dass er zum Hafen gehen und in einer Stunde nach Indien ablegen werde, er sei auf großer Fahrt auf einem Pfefferkahn. Gewürzhandel sei die Zukunft, erklärte er sehr ausführlich, man suche übrigens noch einen für die Kombüse. Meine Augen wurden groß.

Eine Stunde später betrachtete ich die Häuser der Stadt, die sich langsam entfernten. Man hatte mich ohne Murren mitgenommen. Jetzt zeigte mir der erste Offizier die Kombüse. Die Besatzung bestand aus 15 tapferen Portugiesen und der Wind blies kräftig in die Segel. Schwer seufzend versuchte ich noch lange, die Konturen der Stadt am Horizont zu erkennen.

Nach drei Tagen Fahrt wachte ich eines Morgens auf und schaute in die sehr nahen Augen des Steuermanns. Offensichtlich war er nicht bei bester Stimmung. Er zerrte mich an den Haaren an Deck und ich sah Vertrautes…dampfende Haufen Erbrochenes, neben sich krümmenden Seemännern. War denn mit den Muscheln, die die Mannschaft gestern noch gierig in sich hineinschaufelten, etwas nich in Ordnung? Was hatten die Männer die Schärfe gelobt…

Es blieb keine Zeit für Analysen, die Stimmung war ausgesprochen feindselig. Ich bekam einen Tritt in den Rücken, der mich aus dem Gleichgewicht brachte. Ich fiel kopfüber von Bord und schlug hart auf dem Wasser auf, wo mich eine Sekunde später ein Hai lebensgefährlich verletzte. Ich schaute noch seufzend dem Pfefferkahn nach, dann schlossen sich meine traurigen dunklen portugiesischen Augen…

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